trenarzh-CNnlitjarufade

ANNETTE KOLB:
Briefe
einer Deutsch-Französin

Vierte Auflage

ERICH REISS VERLAG • BERLIN
1917

Alle Rechte — besonders das der Übersetzung —vorbehalten. Fünfundzwanzig Exemplare der erstenAuflage sind auf Japan abgezogen und von derVerfasserin gezeichnet. Preis gebunden 50 Mark.

Präludium

München, September 1914

Ich denke zurück an die paradiesischen Tage diesesSommers vor Ausbruch des Krieges, da keinernoch an ihn glaubte . . . Nie zuvor, erinnert ihreuch, hing der Sommerhimmel so beschwichtigendund waren unsere Wälder so in sich versunken. Niesah man die Schwalben so beseligt um die Kirchtürmestreichen und unsere Wege und Brücken soversonnen stehen. Und nie standen auch — erinnertihr euch? so viel schmucke Häuser fertig —Bilder unseres Glückes — und kletterten blumengeschmücktalle Hügel hinauf. Und über sie alle hin,erinnert ihr euch, die Mondsichel, die wie in Verzückungschwebte?

Die Ersten, welche da von der Gefahr dieses Kriegesredeten, verhöhnte man . . . Aber dann triebuns eine plötzliche Angst in unsere schon verwandeltenStädte zurück. Und dort wuchs schon wieein ungeheures Vorspiel jene Unruhe an, die unsalle ins Freie stieß, wie jene Toten, von denensteht, daß es sie aus ihren Gräbern hervortrieb, inden Straßen Jerusalems zu wandeln, als der Vorhangdes Tempels zerriß. Denn also schwebte wieder einKreuz über unseren Häuptern, und wie jene Totenlitt es uns nicht in der Enge unserer Behausungen.Und junge Frauen, die sich aus der stummkreisendenMenge schlichen, wähnend, daß sich in der Verborgenheitder eiserne Ring um ihre Herzen in Tränenströmenlösen würde, traten alsbald steifen Augeswieder vor ihre Tür. Und wie sich dann mit demVerhängnis die Spannung wie ein Nebel hob undjene todgeweihten Heldenmienen offenbarte, überNacht zu Antiken gemeißelt! so daß alle Fremden,die noch auf unserem Territorium weilten, uns hingerissenihre Liebe schwuren, bevor sie flohen. Sieerinnern sich wohl.

Den Zurückgebliebenen aber saßen schon dieAugen im Kopfe, mit denen der Gefangene zu demkleinen Streifen des unendlichen Himmels emporsieht.Wer aber da wieder hinaustrat in die Natur,wem es etwa beifiel, sich auf den Gipfel eines Bergesvor der betörten Menschheit zu flüchten, mit ihremHaß zerfallen und weil er untüchtig ist zu begreifen,daß zur Ergänzung, ja, wie Liebende zur Ergänzunggeschaffene Nationen sich hinschlachten sollen; wieein neuer Philoktet stünde der vor den verklärtenHöhen und den friedlichen Herdenglocken, seinerQual immer neu überwiesen. Wie Philoktet mit derschwärenden Fußwunde jede Betrachtung, die erfaßt, was immer er sagt oder vernimmt, mit seinemSchmerzensgeheul unterbricht, so wird ihm jeder Gedankezerrissen, jeder Schlag seines Herzens durchdas Bewußtsein dieses grauenhaften Krieges zerhämmert.

Erster Brief

Oktober 1914

Es ist noch verfrüht (obwohl es weiß Gott nichtunpatriotisch ist), europäische Worte in unserenplombierten Ländern auszusprechen. Aber einermuß doch anfangen. Ich will jedoch niemandem Ungelegenheitenbereiten, ich will auch nicht mißverstandenwerden. Und ich will nicht diskutieren. Dasist heu

...

BU KİTABI OKUMAK İÇİN ÜYE OLUN VEYA GİRİŞ YAPIN!


Sitemize Üyelik ÜCRETSİZDİR!