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MAURICE BARRÈS
DER MORD AN DER
JUNGFRAU

1913
KURT WOLFF VERLAG • LEIPZIG

Dies Buch wurde
gedruckt im August 1913 als zehnter
Band der Bücherei »Der jüngste Tag« bei
Poeschel & Trepte in Leipzig

Berechtigte Übersetzung von H. Lautensack
COPYRIGHT BY KURT WOLFF VERLAG, LEIPZIG 1913

 

Immerzu traurig, Amaryllis! sollten dich diejungen Herrn im Stich gelassen haben, deine Blütenwelk, deine Wohlgerüche ausgehaucht sein? LießAtys, das göttliche Kind, von dir mit seinen eitlenLiebkosungen? Amaryllis, wünsch dir was, einenGott oder ein Kleinod, wünsch dir alles, außerLiebe, die kann ich hinfort nicht mehr; — obendrein,was vermöchte nicht ein Lächeln von einer, dieAphrodite zärtlich liebt?«

So sprach Lucius gelinde mit Amaryllis, der sehrjungen Kurtisane mit den Goldaugen und demgoldenen Haar; und ihr Barkschiff gleitet dazu aufdem blauen Kanal hin, und die Seerosen rauschen.

Von den schlafenden Bäumen wacht unbewegtdas Spiegelbild auf der Oberfläche des tiefenWassers. Das Ufer wartet prunkend auf mit seinenwollüstigen Landhäusern, seinen Pomeranzenhainenund seiner großen Stille. Zwischen demgrünen Gezweig leuchtet zuweilen der gelb gewordeneMarmor einer Gottfigur auf, und dasunveränderliche Verhalten dieser manchen Götterscheint wie eine Geringschätzung der veränderlichen,schillernden Reden der leichtblütigen Orientalinund ihres skeptischen Freunds. Weit, weit undin der Wärme blaßrosenfarben verfließend ist esnur die Linie der Berge, der Hort der Einsiedlerischenund der wilden Tiere, die ein wenig diesenHimmelstraum verstört. Und nun ist man schondem Gestade sehr nah, an dem die Stadt wollüstighingelagert ist, von den Lippen der Wellen undder Winde geschmeichelt, die Stadt, die die Armeüber das Meer ausstreckt und das ganze All herbeizurufenscheint, herbei ans Duft ausströmendeund fieberhaft durchwühlte Bett, der Agonie einerWelt zu Hilfe und zu der Geburt neuer Jahrhunderte.

Mit einer müden, überdrüßigen Grazie ruhtsich Amaryllis auf weißen Seidenpolstern aus. Derschwere Mantel aus Blattsilber — als ob er verwundendeindränge auf den nachgebenden Mädchenleib.Die runden blaugeäderten Arme liegen wieeine Krone um das Gesicht der Jungfrau, das dieJünglinge auspeitscht. Und so geht das leise Liedihrer Stimme:

»Lach immer, Lucius, lach zu. Wenn ein Sterblichermeine Langeweile zerstreuen kann, bist du’s,von dem ich’s hoffe. Du hast geliebt, Lucius, manerzählt, daß du geweint hast vor Betten, die dich verschmähtenoder die zu kalt waren. Heut, überdrüssig,lachst du über die Frau. Begreif’ doch, daß michdies ewige Geseufze der Männer zur Verzweiflungbringt. Ich bin jung und schön und langweile mich,ja, Lucius. Die Zärtlichkeiten dieses Atys, dieMysterien der Isis und wie groß Serapis sei, befriedigenmeine Sehnsüchte nicht; was will mirAphrodite? Ich bin es, die die Liebe erregt; ich weißum ihre Leiden, und daß sie einen tot machen, dennLiebesgirren wird zur Gewohnheit. Ich bin eineSyrierin, die Tochter einer Freigelassenen, die eineSeherin war; du bist ein Römer, fast ein Hellene,du weißt dich lus

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