Von
E. von Otto,
Bensheim.
Dem Hunde, wenn er gut gezogen,
Wird selbst ein weiser Mann gewogen.
Goethe.
Mit 12 Abbildungen auf Tafeln
Berlin
Verlagsbuchhandlung Paul Perey
Verlag für Landwirdschaft, Gartenbau und Forstwesen
SW.11, Hedemannstraße 10 u. 11
1924.
Alle Rechte, auch das der Übersetzung, verbehalten.
Das Schicksal jedes Lebewesens, auch des Menschen und der Pflanze, wird durch das Zusammenwirken seiner erblichen Veranlagung mit den Einflüssen der Umwelt bestimmt. Welcher von den Ursachengruppen die größere Bedeutung zukommt, das ist von Fall zu Fall verschieden. Mehr als das Schicksal irgend eines anderen Tieres bestimmt der Mensch das ganze Sein und Werden des Haushundes, dessen Umwelt er schafft, dessen Wachsen und Ausbildung er leitet, dessen Uranlagen die Züchtungstechnik durch sorgfältige Auswahl von erblichen Anlagen beeinflußt. Der erste Schritt zur Einwirkung ist, daß sich der Hundebesitzer seiner Stellung, Aufgaben und Mittel gegenüber dem ihm überlieferten Hund bewußt ist. Mit viel Tierliebe und freundlichen Absichten, aber herzlich wenig oder ohne alles Verständnis wird meist der erste Hund angeschafft. Es existiert eine größere Anzahl von Lehr- und Dressurbüchern für die Ausbildung von Polizei-, Kriminal- und Jagdgebrauchshunden, aber bis jetzt kein einziges, das für Leien und Anfänger den ganzen Werde- und Lebensgang des Haushundes, den der Skandinavier bezeichnend Selskabshund (Gesellschaftshund) nennt und wir früher als Luxushund zu klassifizieren pflegten, von „Wiege bis zum Grabe” erläuterte. Alles, was wir vom Hund fordern und ihn lehren wollen, soll dessen Verstehen angepaßt sein, und wir müssen es verstehen, ihm das begreiflich zu machen. Im Sein,Bewußtsein und Selbstbewußtsein stuft sich die Dreiheit der Psychologie, d. h. der Lehre von den seelischen Vorgängen und Zuständen. Dreifach ist daher auch die Tätigkeit, die wir dem Hund von frühester Jugend an zuwenden. Dem Welpen, der nur von Daseinstrieben geleitet ist, wenden wir eine liebevolle Pflege zu. Blind und ohne Gehör kommt er zur Welt. Jeder an ihn herantretende Reiz, zuerst die Abkühlung der Außentemperatur in Abwesenheit der Mutter, Durst, die ersten Lichtstrahlen, wenn sich das Lid am neunten Tage öffnet, sogar lebhafte Geräusche werden mit Unbehagen oder Schmerz empfunden, mit Winseln quittiert. Ganz allmählich gewöhnen wir ihn an äußere Einflüsse, an die Reize der Umwelt, die später zu Lebensbedürfnissen werden. Der sorgenden Mutter entwöhnt, beginnt das Sein des